Shape your weapon(s)

Beim Waffentraining in den Kampfkünsten lässt sich regelmäßig ein kleines „Phänomen“ feststellen: nach einiger Zeit, in der man mit den Dôjô-eigenen Waffen trainiert hat, möchte man sich eigene anschaffen. Dies ist meiner Meinung nach ein wichtiger Schritt, da er unter anderem auch die Absicht ausdrückt, sich ernsthafter und längerfristiger mit dem Umgang mit der entsprechenden Waffe auseinander zu setzen. Ich kenne keinen erfahrenen Budôka, der nicht zumindest die für seinen ausgeübten Stil notwendige „Grundausrüstung“ besitzt.

Unweigerlich stellt sich dabei die Frage nach Qualität und Praxistauglichkeit des neuen Trainingsgeräts. Man möchte verständlicherweise die bestmögliche Waffe!

Handelt es sich um eine Holzwaffe, so finden sich viele Informationen zu den Eigenschaften verschiedenster verfügbarer Hölzer. Wenn man nicht vorsichtig ist, könnte man das Gefühl bekommen, ein „Holzstudium“ zu absolvieren. Möchte man sich ein Übungsschwert kaufen, so ist das Aneignen von einem zumindest grundlegenden Wissen über das Material und dessen Charakteristika und die Herstellungsprozesse der angebotenen Waffen sicherlich notwendig, um die „Spreu vom Weizen“ zu trennen und natürlich auch ein für das Training geeignetes Schwert zu finden.

Ein weiterer wichtiger Punkt bei all diesen Überlegungen ist natürlich der verfügbare finanzielle Rahmen. Qualität hat ihren Preis und so kann es vorkommen, dass man sich sein Wunschobjekt erst nach ein paar Wochen/Monaten des Sparens leisten kann.

Hat man diese ersten Hürden dann erfolgreich hinter sich gebracht und die ersten Trainingseinheiten absolviert, dann stellt sich bald die Frage nach der Pflege der neuen Waffe – wenn dies nicht schon von selbst im Training angesprochen wird. Da man sich an diesem Punkt bereits intensiv mit der Anschaffung beschäftigt und evtl. auch ein „kleines Vermögen“ investiert hat, liegt einem die Instandhaltung verständlicherweise am Herzen.

Wenn nicht sogar schon bei der Bestellung geschehen, fängt man nun an, die unzähligen Schmiergelpapiersorten, Wachsarten, Öle, „Hämmercher und Meissel“-Sets, Einzelteile von Griffmontierungen und vieles mehr zu entdecken. Langsam wird man zu einem „Experten“, der mehr über seine Waffe weiß, als lediglich wie man sie „richtig“ hält (wobei auch dies sicherlich anfangs eine nicht zu unterschätzende Herausforderung sein kann).

Zusammenfassend kann man sagen, dass man im Groben drei Schritte auf dem Weg zur eigenen Trainingswaffe zu absolvieren hat:

    1. Zielsetzung: Bestimmung der richtigen Waffe für mein Training (Zweck)
    2. Anschaffung: die Frage nach Qualität, Investition und den wahrscheinlich notwendigen „Kompromiss“, um einen vernünftigen finanziellen Rahmen einhalten zu können
    3. Pflege: richtiger Umgang und Instandhaltung der Waffe um lange etwas davon zu haben

Ich bin mir sicher, dass die meisten Leser mir bis hierher ohne Schwierigkeiten folgen konnten. Egal ob Trainingswaffe, Computer oder Auto – größere bzw. wichtigere Anschaffungen folgen alle dem mehr oder weniger selben Muster.

Wie verhält es sich aber beim Taijutsu – welche „Waffe“ muss man sich hier „anschaffen“? Keine?

Obwohl die Antwort lächerlich einfach zu sein scheint, habe ich manchmal doch den Eindruck, dass sie schwieriger ist, als es den Eindruck macht. Insbesondere, da sie so offensichtlich ist, dass man sie eigentlich nicht extra formulieren müsste:

Der eigene Körper!

Betrachtet man einen beliebigen „Martial Arts“ Film, so sehen wir zweierlei:

    1. drahtige, dynamische, muskulöse und mit einer fast übermenschlicher Willensstärke und Körperbeherrschung ausgestattete Protagonisten oder
    2. den Underdog, der es durch das Training mit einem Mentor schafft, es den bösen Jungs heim zu zahlen (durch Aneignung von fehlender Fitness und/oder Charakterstärke)

In beiden Fällen ist der körperliche Zustand der „Helden“ spätestens beim „Showdown“ des Films durchaus akzeptabel und ohne Probleme mit der dargestellten echten oder für den Film erfundenen Kampfkunst/Kampfsportart in Verbindung zu bringen. Dieses – oft extrem überzogene und unrealistische – Bild prägt auch die Wahrnehmung derer, die nicht aktiv eine Kampfkunst betreiben.

Auch gilt es natürlich zwischen Kampfkunst und Kampfsport zu unterscheiden. Die Kampfsportarten sind im direkten Vergleich der Trainingsweisen mit Sicherheit meist körperlich fordernder als manche Kampfkunst (wobei „fordernder“ aber nicht gleichzeitig „gesünder“ sein muss).

Und trotzdem wundere ich mich oft, in welchem Zustand die „Waffen“ vieler Ausübender beider Bereiche sind!

In den Kampfsportarten sind es meist nicht die wirklich Aktiven, sondern eher die etwas älteren „Meister“ oder Funktionäre, die der Vorstellung von jemandem, der sich intensiv mit dem Umgang mit der „Waffe Körper“ auseinandersetzt, nicht annährend entsprechen.

In den Kampfkünsten wiederum findet man solche „Ausnahmen“ quer durch alle Altersgruppen und in einer Zahl, die das Wort „Ausnahmen“ nicht mehr wirklich anwendbar macht.

Um hier an dieser „kritischen“ Stelle ein wenig Klarheit zu schaffen: es geht ausdrücklich nicht darum, den Finger zu erheben und zu postulieren, dass jeder Budôka oder Kampfsportler irgendeinem „Idealbild“ entsprechen sollte! Es geht vielmehr schlichtweg um die Tatsache, dass man in unserem Bereich erstaunlich viele körperlich gesunde Menschen trifft, die sich offensichtlich nicht ausreichend um ihre „Waffen“ kümmern – oder zumindest um die „biomechanische“ Waffe. Es gibt erstaunlich viele, die sich ganz hervorragend um die Instandhaltung ihrer Trainingswaffen und den historisch korrekten Bezug kümmern (was beides wichtig ist!), darüber aber ihr eigentliches Kapital (den Körper) zu vergessen scheinen.

Schaue ich mit Freunden oder Bekannten Trainingsvideos an (Daikomyosai, Seminare, YouTube Selbstdarstellungen, etc.), so beobachte ich oft deutlich erstaunte Gesichter und höre Kommentare, die genau auf den angesprochenen körperlichen Zustand abzielen.

„Warum ist das so?“

Ich möchte mich hier eigentlich nicht um eine „Antwort“ bemühen, da jeder für sich selbst entscheiden muss, wie er mit sich und seinem Körper umgeht und warum.

Vielmehr möchte ich in aller Kürze ein paar Gedanken formulieren, die mich in den vergangenen Jahren beschäftigt haben. Die oben genannten Beobachtungen und Erfahrungen in Verbindung mit einer gesunden Portion Eigenreflektion haben mich zu dem Ergebnis kommen lassen, dass sowohl für das unbewaffnete- als auch das Waffentraining der eigene Körper die Grundlage schlechthin ist und dass es sich lohnt, ihn in einen funktionell guten Zustand zu bringen und zu halten (irgendwelche Schönheitsideale („Bodystyling“) oder ähnliche mediale Einflüsse spielen keine Rolle). „Funktionell“ ist in diesem Zusammenhang einer der Kernbegriffe. Es geht nicht um das „gute Aussehen“, sondern darum, dass der Körper die Fähigkeiten und Funktionen aufweist, die man für die charakteristische Ausübung (s)einer Kampfkunst braucht.

Natürlich „weiß“ man, dass ein guter körperlicher Zustand im Allgemeinen und natürlich insbesondere für das Training einer Kampfkunst sehr wichtig ist… wie so oft liegt der Unterschied auch hier zwischen Theorie und Praxis! Man kann immer tausend Gründe finden, warum man sich gehen lässt (Krankheiten außen vor):

  • „Nicht genügend Zeit“
    Meist eine Ausrede, eine vernünftige Tagesplanung hilft.
  • „Zu anstrengend“
    Wirft natürlich die Frage auf, warum man überhaupt Budô/Kampfsport betreibt?
  • „Für meine Zwecke reicht es“ / „bin zufrieden“
    Ein anderer Ausdruck für „Selbstbestimmung“ und die Tatsache, dass Kritik unerwünscht ist.
  • „Fehlende Möglichkeiten“
    Hoffentlich nur eine Wissenslücke über Trainingsmöglichkeiten, ansonsten eine weitere Ausrede.
  • „Ich esse zu gerne“
    Wer denn nicht? Ernährung kann allerdings ein wirklich interessantes Thema sein und Spaß machen, wenn man sich damit beschäftigt und das Richtige isst!
  • „Ich kann mich nicht aufraffen“
    Das ist ehrlich!

Das Hauptproblem ist meist tatsächlich die Selbstdisziplin. Sich „aufzuraffen“ um gezielt an der Verbesserung der Leistungsfähigkeit und Funktionalität des Körpers zu arbeiten und gleichzeitig sicherzustellen, dass unsere „Maschine“ eine vernünftige „Brennstoffmischung“ (Ernährung) bekommt, ist wirklich nicht einfach und dürfte vielen Menschen im Wege stehen.

Alleine schon das Erkennen und Akzeptieren dieses Umstands ist: Budô Training – das Erkennen von und Arbeiten an eigenen Schwächen und das ständige Bemühen, sich zu verbessern. Man kann „fehlende Selbstdisziplin“ folglich auch als Gelegenheit und Herausforderung des „Weges“ sehen!

Und es gilt unbedingt, diese „Hürde“ zu nehmen!

Wie sonst können wir für uns in Anspruch nehmen, den „Weg des Kriegers“ zu gehen? Dem Beispiel von Menschen zu folgen, die ihren Körper und all ihre Fähigkeiten in Schlachten als Überlebensgrundlage nutzten.

Von teilweise einfachen Fußsoldaten, die meist nicht fettleibig, sondern an der Grenze der Unter- bzw. Mangelernährung und nicht den „Fallen“ und Unzulänglichkeiten unserer modernen Zeit ausgesetzt waren?

Von Samurai, die einen großen Teil ihrer Zeit in ihre Ausbildung investierten (körperliches Training, Erziehung, Bildung) und teilweise große Verantwortung für sich und andere trugen?

Wie sonst können wir ernsthaft erwarten, dass uns jemand glaubt wenn wir erzählen, dass die Inhalte unseres Trainings auch in einer Selbstverteidigungssituation funktionieren können? Wenn nicht einmal die Grundlage passt (körperliche Voraussetzungen), braucht man gar nicht erst anfangen von nützlichen Drills, Randori, Taktik oder Strategien zu reden…

Und dabei ist es egal, ob der Lehrplan der ausgeübten Stilrichtung auch/nur Waffen beinhaltet oder reines Taijutsu unterrichtet wird. Kein noch so guter Formel 1 Rennwagen wird ein Rennen ohne Fahrer in geistigem und körperlichen Bestzustand gewinnen! Und ebenso wenig ist ein Katana, ein Rokushako Bo oder eine Naginata ohne Anwender in irgendeiner Art und Weise „effektiv“.

Wenn wir also den Anspruch haben in dieser Tradition zu stehen (und auch nicht müde werden, dies unserer Umwelt immer wieder kund zu tun), dann müssen wir uns zwangsläufig mit uns selbst und unseren Schwachstellen beschäftigen und deshalb:

    1. genau wissen, welche körperlichen und geistigen Fähigkeiten wir für die Ausübung unserer Kunst brauchen = Zielsetzung
    2. mit den uns zur Verfügung stehenden Resourcen (Zeit und finanzielle Mittel) vernünftig umgehen (Qualität und Investition) und dabei den bestmöglichen Kompromiss finden um das Ziel (funktionelle Fitness) zu erreichen = „Anschaffung
    3. nach dem Erreichen des Ziels unseren Körper weiter in Schuss halten und auf die individuellen Veränderungen (Alter, gesundheitlicher Zustand, „Abnutzung“) reagieren = Pflege

Es macht keinen Unterschied, ob wir uns eine Trainingswaffe im Internet bestellen, oder fit werden/bleiben wollen… bis auf die Tatsache, dass die Beschäftigung mit uns selbst anstrengender ist als ein einmaliger Kaufvorgang und wir darüber hinaus naturgemäß dazu tendieren, ohne unmittelbare Notwendigkeit nur das Nötigste zu tun.

Aber so, wie man sich vielleicht mit verschiedenen Stahl- oder Holzsorten beim Kauf einer Waffe beschäftigt und dabei Hintergrundwissen aufbaut, so kann man auch bei der Beschäftigung mit dem Körper Grundwissen über Biomechanik, Krafttraining, Ernährung und vieles mehr lernen, das man im Training und im Alltag gewinnbringend nutzen kann.

Wie schon gesagt: wer Budô wirklich ernst nimmt, kann dies alles als Teil des Trainings ansehen und nutzen, um zu wachsen.

Zusammenfassend ist es also wichtig, sich beim Studium des Budô um alle seine Utensilien zu kümmern:

  • Körper
  • Geist
  • Seele
  • (Übungs-)Waffen

Nur, wenn beide Komponenten („Körper“ und „Waffe“) in gutem Zustand sind, können Sie effektiv zusammenarbeiten und zu einer harmonischen Einheit verschmelzen.

剣体一 | Ken Tai Ichi

von Stefan Filus
Bujinkan Shidōshi


HINWEISE
1. Dieser Artikel ist hauptsächlich eine Reflektion meiner individuellen Gedankengänge und Erfahrungen der vergangenen Jahre und beschreibt in weiten Teilen auch Verhaltensmuster und „Zustände“, die ich an mir selbst beobachtet habe. Letztendlich habe ich die Tatsachen tatsächlich als Herausforderung akzeptiert und mir das Ziel „Erhöhung meiner funktionellen Fitness“ gesetzt. In 12 Monaten und mit vielen Etappenzielen habe ich es auch erreicht. Ich hoffe, dass diese Zeilen niemanden „verletzen“, sondern vielmehr zu eigenen Gedanken und Schlussfolgerungen anregen.

2. Über die Themen „Fitness“ und „Ernährung“ wurde und wird in ausreichendem Masse gestritten. Es wurden und werden ständig neue Theorien und Thesen aufgestellt, bewiesen und widerlegt und das „Geschäft mit dem Körper“ ist mittlerweile ein „Multi-Milliarden-Business“, das von Wunschvorstellungen, Hoffnungen und Enttäuschungen lebt. Ich glaube nicht, dass die Welt nun auch noch von mir kluge Ratschläge zu diesem Thema braucht. Wer körperlich fitter werden möchte, muss seinen ganz individuellen Weg finden. Das „Tun“ ist dabei nicht schwierig, solange man zu einem „Dranbleiber“ wird – die Initialzündung für den Prozess ist der Knackpunkt und diesen „Startschuss“ kann man sich nur selbst geben. Kein Artikel, keine Webseite, kein Personal Trainer…