Kampfsport oder Kampfkunst?

Admin Allgemein

Folgenden Artikel hat Stefanie für die Vereinszeitschrift „Sportlich(t)“ des TSV Trudering e.V. verfasst – vielen Dank Steffi!

Kampfkunst und Kampfsport – oft synonym genutzt, handelt es sich hierbei um zwei sehr unterschiedliche Konzepte. Grundlegend haben alle japanischen Kampfsportarten ihre Ursprünge in zumeist mehreren der alten Kampfkunstschulen. Sie entwickelten sich dann weiter in ein eigenständige Kampfsysteme.

Wo liegt also der Unterschied?

Der Kampfsport ist in erster Linie, wie der Name schon sagt, eine sportliche Disziplin. Dabei werden zum Schutz der Praktizierenden und aus Fairness strenge Regeln befolgt. Zudem werden die Sportler für eine bessere Vergleichbarkeit in der Regel nach Geschlecht getrennt und in Gewichtsklassen eingeteilt. Im Zentrum steht meist der Wettkampfgedanke.

Bei der Kampfkunst hingegen steht der Erhalt des ursprünglichen Kampfstils im Vordergrund – so wie er in früheren Zeiten und in tatsächlichen Konfliktsituationen angewandt wurde. Mit all seinen technischen und philosphischen Aspekten.

Einen weiteren, großen Unterschied gibt es bei der Art des Unterrichts. Wo es in den Kampfsportarten um das mögliche exakte Nachahmen bestimmter Abläufe geht – exemplarisch hierfür sind die Schlagdrills des Sportkarate – liegt der Fokus in den Kampfkünsten auf der eigenständigen Entwicklung des Einzelnen. Auch das japanische Wort für Kampfkunst 武道„Budō“ spiegelt dies wieder.Übersetzt bedeutet es in etwa „DerWeg des Einzelnen“.

Wo ist Bujinkan einzuordnen?

Das Bujinkan BudōTaijutsu ist die Essenz aus neun traditionellen japanischen Kampfkünsten, denen unser Großmeister Hatsumi Masaaki als Oberhaupt vorsteht. Sechs davon wurden von Samurai, Soldaten und Leibwächtern trainiert, die übrigen drei von denjenigen, die wir heute als “Ninja” bezeichnen. 

Ziel des Trainings ist – nach dem Erlernen der grundlegenden Prinzipien – die individuelle Entwicklung jedes Einzelnen als Kampfkünstler. Hierfür wird zusätzlich immer wieder in den seit Jahrhunderten überlieferten Formen der einzelnen Kampfkunstschulen trainiert. Ein besonderes Augenmerk wird darauf gelegt in welchem Kontext diese Schule geschaffen wurden und welche Fähigkeiten vermittelt werden sollen.

Insofern ist es unvermeidlich, dass es auch einen Einblick in die japanische Kultur und Denkweise gibt; es lassen sich beispielsweise kleine Rituale und Etikette während des Trainings beobachten die einen historischen Hintergrund haben, ihre Bedeutung für die heutige Zeit aber nicht verloren haben.

Der (sportliche) Vergleich

Regeln sind für Kampfsportwettkämpfe unabdingbar. Sie dienen nicht nur als Sicherheitsvorkehrung, um das Verletzungsrisiko einzuschränken, sondern ermöglichen auch den direkten Vergleich zwischen zwei Sportlern, indem sie faire Rahmenbedingungen schaffen und unerwünschtes Verhalten verbieten. Das Kampfsport-Training findet innerhalb dieser Regeln statt und wird als Vorbereitung für den Wettkampf genutzt.

Im Kampfkunst-Training hingegen wirdimmer von einer potentiell bedrohlichen Situation ausgegangen, in der es keine Regeln gibt. Es wird also auch auf Aspekte einer Auseinandersetzung eingegangen, die in einem Kampfsport-Training nicht oder nur selten berücksichtigt würden, wie beispielsweise Angriffe von hinten oder Attacken auf sensible Regionen wie die Augen.

Selbstverständlich sind auch in den Kampfkünsten Einschränkungen in Training nötig, um Verletzungen zu vermeiden. Eine Herausforderung für Kampfkünstler ist es also, diese Gefahrensituationen bestmöglich innerhalb eines sicheren Rahmens zu simulieren ohne den Bezug zur ursprünglichen Anwendung im Kampf zu verlieren.

Obwohl es keine Wettkämpfe gibt, stehen auch Kampfkünstler immer im direkten Vergleich – allerdings nicht zu den anderen Trainierenden, sondern zu sich selbst. Das Ziel ist nicht, besser als jemand anders zu werden, sondern nur besser zu werden, als man vorher war. Hier geht es sowohl um den Fortschritt der Technik als auch um die Entwicklung als Persönlichkeit.

Die Frage nach der Selbstverteidigung

Häufig kommt beim Thema „Kampfsysteme“ die Frage auf, „ob das denn in Echt funktioniert“, also ob das Erlernte in einer Selbstverteidigungssituation anwendbar wäre.

Kampfsportler lernen zweifelsfrei viele für die Selbstverteidigung wichtige Grundlagen. Wie im vorigen Abschnitt beschrieben werden aber hauptsächlichregelkonforme Techniken geübt, und somit einige wichtige Selbstverteidigungsaspekte übergangen.

Die moderne Selbstverteidigung ist auch nicht das zentrale Ziel der Kampfkünste, und somit auch nicht des Bujinkan. Techniken, die zum Beispiel auf einen mit Schwert bewaffneten Angreifer in Rüstung antworten, werden heutzutage kaum Anwendung in der Realität finden. Durch regelmäßiges Training werden aber auch bei uns als „Nebeneffekt“ viele in der Selbstverteidigung anwendbare Konzepte erlernt. 

Seit Februar widmen wir in der Abteilung Bujinkan eine besondere Trainingseinheit mit anwendungsbezogeneren Szenarien. Unser „Fight Club“ findet derzeit einmal im Monat für unsere fortgeschritteneren Mitglieder statt.

Für Leute, deren Hauptanliegen die Selbstverteidigung ist, gibt es abseits von den Kampfkünsten und Kampfsportarten noch autonome Selbstverteidigungssysteme wie Krav Maga, die explizit für die moderne Selbstverteidigung entworfen wurden.

…und was ist denn nun besser?

Das hängt davon ab was man will.

Es gibt viele verschiedene Gründe, weshalb Menschen ein Kampfsport- oder Kampfkunst-Training beginnen. Viele kommen wegen des sportlichen und mentalen Ausgleichs zum Alltag, weil sie einfach Interesse an der Sache haben oder gerne Teil einer Gemeinschaft sind. Manche haben dazu noch Spaß daran, sich mit Anderen im Wettkampf zu messen, andere wiederum suchen philosophische Inhalte und persönliche Weiterentwicklung; wieder andere möchten nur in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen. Wichtig ist, sich zu überlegen, was die eigenen Ziele und Erwartungen sind und sich dann das entsprechende System auszusuchen.